EKG-Veränderung zeigt Herztod-Risiko

Electrical Risk Score-- Es gibt einige Anzeichen, die im routinemäßigen 12-Kanal-EKG auf ein Risiko für einen plötzlichen Herztod hinweisen. Steigert es die Prognosegenauigkeit, wenn Veränderungen in Folge-EKGs berücksichtigt werden? US-Mediziner sind dem nachgegangen.

Von Robert Bublak Veröffentlicht:
EKG-Veränderungen im zeitlichen Verlauf... Peakstock/Science Photo Library

EKG-Veränderungen im zeitlichen Verlauf...

© Peakstock/Science Photo Library

Anerkannter Risikofaktor für den plötzlichen Herztod ist die stark verminderte linksventrikuläre Auswurfleistung (EF). Für Patienten mit einer EF > 35 % jedoch mangelt es an Parametern für die Risikovorhersage.

Versuche, eine solche Prognose aus dem 12-Kanal-EKG abzuleiten, bezogen sich jedoch in der Regel auf statische Parameter eines einzelnen EKGs. Ein solches Werkzeug, ein „Electrical Risk Score“ (ERS), ist vor einigen Jahren vorgestellt worden [1]. Einbezogen sind sechs Parameter, für deren Vorliegen jeweils ein Punkt vergeben wird (ERS-Spanne: 0–6 Punkte):

Herzfrequenz in Ruhe > 75/min,

linksventrikuläre Hypertrophie,

R/S-Umschlag in Ableitung ≥ V5,

frontaler QRS-T-Winkel > 90°,

Tpeak-Tend-Intervall > 89 ms,

QTc > 450 ms für Männer und > 460 ms für Frauen.

Mit höherem ERS-Wert nimmt das Risiko für den plötzlichen Herztod zu. Ab einem Score von 4 steigt das adjustierte Risiko auf das knapp Fünffache. Das ergibt ein zwar gutes, aber noch kein starkes Vorhersagemodell (C-Statistik 0,759–0,774).

Dynamische ERS-Veränderungen im Blick

Eine Arbeitsgruppe um Hoang Pham vom Cedars-Sinai Medical Center in Los Angeles hat nun untersucht, ob sich dynamische Veränderungen im ERS zwischen zwei EKG-Aufzeichnungen dafür nutzen lassen, die Risikovorhersage zu verbessern [2]. Dazu verwendeten sie Daten von 231 Personen, bei denen vor ihrem plötzlichen Herztod mindestens zwei EKGs geschrieben worden waren. Ihnen wurden 234 passende Kontrollen gegenübergestellt. Für die Validierung der Resultate gab es eine zweite Kohorte mit 203 Personen mit plötzlichem Herztod und ebenso vielen Kontrollen.

Verglichen wurden die älteste und die jüngste vorliegende EKG-Aufzeichnung. Um zu zeigen, ob die ERS-Veränderungen über die Zeit mit dem Risiko für plötzlichen Herztod zusammenhängen, wurden die Berechnungen gegen den Ausgangs-ERS, das Alter und Geschlecht sowie die Zeitspanne zwischen den EKGs, aber auch gegen klinische Risikofaktoren für plötzlichen Herztod abgeglichen.

Jede Zunahme des ERS zwischen den analysierten EKGs um einen Punkt erhöhte das Risikoverhältnis für plötzlichen Herztod um den Faktor 3,0 (Findungskohorte) bzw. 3,7 (Validierungskohorte). Die Hinzunahme des ERS zur Risikovorhersage verbesserte den Wert der Fläche unter Kurve der Receiver-Operating-Characteristic von 0,77 auf 0,87 bzw. von 0,78 auf 0,87.

Die Progression des ERS-Werts fiel bei Personen mit späterem plötzlichem Herztod signifikant höher aus (+1,1 bzw. +0,9) als bei den Kontrollen, bei denen der Wert praktisch konstant blieb (–0,05 bzw. –0,11). Schon die Ausgangswerte hatten bei den Personen mit Herztod höher gelegen, bei 1,6 bzw. 2,0 gegenüber 1,2 bzw. 1,4.

QTc- und Tpeak-Tend-Intervall als Schlüsselvariablen

Bei den am Herztod Verstorbenen fielen ein verlängertes QTc- sowie ein verlängertes Tpeak-Tend-Intervall als die Parameter auf, die den größten Anteil an der Erhöhung der ERS-Werte im Folge-EKG hatten.

Wurden von den 6 ERS-Komponenten nur die beiden Haupttreiber der Erhöhung, verlängertes QTc- und verlängertes Tpeak-Tend-Intervall, in das Prognosemodell eingefügt, ergab sich ein Wert für die Fläche unter der Kurve von 0,88 bzw. 0,86. „Das zeigt, dass die Kombination dieser beiden Variablen genügen könnte, um die für das Herztodrisiko wichtigen Veränderungen über die Zeit zu identifizieren“, schreiben Pham et al. Das Studiendesign erlaube allerdings keine Schlüsse darauf, ob das ERS-Remodeling einen spezifischen Risikofaktor für plötzlichen Herztod darstelle.

„Dynamische Veränderungen im EKG können die Risikovorhersage für plötzlichen Herztod verbessern“, lautet das Resümee von Pham et al. aus ihren Befunden. Das neue Konzept verdiene es, eingehend weiter studiert zu werden, um die gegenwärtige statische Risikostratifizierung für den Herztod um dynamische Komponenten zu ergänzen.

Fazit

Verbessert der Vergleich zweier zeitlich auseinanderliegender EKG-Aufzeichnungen die Risikoprognose für den plötzlichen Herztod?

Die Antwort lautet Ja. Vor allem die Progredienz zu verlängertem QTc- und prolongiertem Tpeak-Tend-Intervall verbessert die Risikovorhersage.

Die vorliegende Studie war allerdings retrospektiv angelegt.

Literatur--

1. Aro AL et al. Eur Heart J. 2017;38:3017-25

2. Pham HN et al. Eur Heart J. 2023; https://doi.org/10.1093/eurheartj/ehad770

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