Assistenzarztzeit anno 2023 – ein Plädoyer für den besten Beruf der Welt

Veränderungen selbst herbeiführen-- Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung sind unzufrieden, so zeigen es die Ergebnisse von Umfragen. Wo die Probleme sind, was wir fordern dürfen, warum dies sogar modern ist und warum auch heutzutage noch Leistung bereichern kann – die Meinung eines Assistenzarztes.

Von Dr. Dennis Lawin Veröffentlicht:
Veränderung des Berufsalltags durch Leistung und Engagement bewirken – auch das trägt zur Zufriedenheit als Ärztin/Arzt bei. ASDF/stock.adobe.com(Symbolbild mit Fotomodellen)

Veränderung des Berufsalltags durch Leistung und Engagement bewirken – auch das trägt zur Zufriedenheit als Ärztin/Arzt bei.

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Die Presse berichtet immer häufiger: Medizinerinnen und Mediziner streiken für bessere Arbeitsbedingungen [1–4]. „Ein Trend der jungen Generationen“, könnte man meinen, doch lassen sich die Probleme objektivieren: Der Marburger Bund erfasste in Umfragen (Abb. 1), dass 68 % der Ärztinnen und Ärzte ihre Arbeitsbedingungen als mittelmäßig oder schlecht einschätzen, 82 % mehr als 40 Stunden und 20 % sogar mehr als 60 Stunden pro Woche arbeiten müssen [5]. Dokumentationen und Verwaltungstätigkeiten nehmen bei 57 % mehr als 3 Stunden täglich ein [5]. Erschreckende 62 % der in Weiterbildung befindlichen Ärztinnen und Ärzte sind unzufrieden [6]. 56 % der Kolleginnen haben Bedenken, eine Schwangerschaft zu melden – aus Sorge vor Einschränkungen in der Weiterbildung oder negativen Reaktionen der Führungskräfte [7].

Stimmung unter Ärztinnen/Ärzten und mögliche Ursachen  (Abb. 1)-- Aktuelle Stimmung angestellter Ärztinnen und Ärzte wie 2021 und 2022 in den Online-Umfragen des Marburger Bundes erhoben. Lawin

Stimmung unter Ärztinnen/Ärzten und mögliche Ursachen (Abb. 1)-- Aktuelle Stimmung angestellter Ärztinnen und Ärzte wie 2021 und 2022 in den Online-Umfragen des Marburger Bundes erhoben.

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Die Liste an Problemen im ärztlichen Alltag ist lang und spart keine Institution aus. Einige arrangieren sich mit den Bedingungen, andere fordern. Häufig stehen wir dabei im Konflikt mit unseren Vorgesetzten. Dabei handelt es sich nicht nur um einen Konflikt der Positionen innerhalb unserer Hierarchien, sondern auch um einen Konflikt der Generationen. Eine sozialwissenschaftliche Betrachtung verdeutlicht, warum Forderungen und Leistungsbereitschaft in diesem Konflikt so unterschiedlich bewertet werden (Abb. 2): Die heute tätigen Chefärztinnen und Chefärzte stammen aus der Zeit sehr hoher Geburtenraten (Babyboomer und Generation X) [8]. Aufgrund nur weniger Medizinerstellen mussten sie viel leisten, um überhaupt einen Arbeitsplatz zu erlangen und verfielen dem Leitsatz: „Nur wer etwas leistet, ist etwas wert“ [8]. Sie waren es aber auch, die später den Begriff „Burn-out“ prägten. Die aktuell in Weiterbildung befindlichen Ärztinnen und Ärzte – Angehörige der Generationen Y und Z – erfahren ein Umdenken in ihrer Einstellung zur Arbeit. Nun steht Selbstverwirklichung an erster Stelle und eine „Burn-out-Sperre“ schützt vor Überarbeitung. Der Fachkräftemangel macht die Jobauswahl luxuriös und das Bedürfnis nach Anerkennung ist groß. Dennoch wäre der Rückschluss fatal, die Forderungen der jungen Generationen als „Trend“ zu missinterpretieren, da die Probleme – wie gezeigt – wahr und relevant sind. Verbesserungen dürfen und sollten sogar gefordert werden – getreu dem Zitat von Däfler und Dannhäuser: „Erleben wir uns als Gefangene der Umstände […], dann wird sich vermutlich nie etwas an der Situation ändern“ [9]. Fordern dürfen wir eine gute Weiterbildung, Lösungen für die Vereinbarkeit mit dem Familienleben, adäquate Personalschlüssel, ausreichende Erholungszeiten sowie Entbürokratisierung und Digitalisierung. Viele fordern mehr Gehalt, doch befinden wir uns in Wahrheit bereits mit unserem Einstiegsgehalt unter den Top-Verdienern Deutschlands. Ob mehr Lohn glücklicher machen würde, ist fraglich, denn: Jebb et al. konnten 2018 zeigen, dass mit einem gewissen Gehalt, das wir leicht erreichen, eine Sättigung der Lebenszufriedenheit erreicht wird und die Zufriedenheit durch mehr Gehalt nicht zunimmt [10].
Stimmung unter Ärztinnen/Ärzten und mögliche Ursachen (Abb. 2)-- Eine Generationsanalyse auf dem Arbeitsmarkt tätiger Ärztinnen und Ärzte. Inhalte aus [8]. Lawin

Stimmung unter Ärztinnen/Ärzten und mögliche Ursachen (Abb. 2)-- Eine Generationsanalyse auf dem Arbeitsmarkt tätiger Ärztinnen und Ärzte. Inhalte aus [8].

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Was wir also fordern, hängt von unseren persönlichen Wertvorstellungen ab, sollte vorab aber reflektiert werden, damit auch wirklich die relevanten Probleme adressiert werden. Zudem sollte Fordern zielorientiert erfolgen und als konstruktive Beteiligung an der Verbesserung des Systems verstanden werden. Je mehr wir selbst zur Lösung des Problems beisteuern, desto eher lösen wir uns aus den oben genannten Umständen.

Trotz aller Umstände und allen guten Rechts zu klagen, möchte ich in Erinnerung rufen, dass das Klagen über unseren Beruf auch ein Klagen auf einem hohen Niveau ist [9]. Sicher vermag unsere Arbeit manche unzufrieden sein lassen, doch wie unzufrieden würde uns die Arbeitslosigkeit machen? Täglich üben wir einen Beruf mit problematischen Arbeitsbedingungen aus, der gleichzeitig aber der beste Beruf der Welt ist: Menschen vertrauen sich uns an, weil ausgerechnet wir ihnen helfen können. Wir können an einem Tag mehr Gutes tun, als Andere im ganzen Jahr. Wir arbeiten akademisch, können ein Leben lang lernen und uns täglich begeistern und faszinieren. Wir genießen in der Gesellschaft viel Respekt und außerordentliche Anerkennung. Viele wünschen sich, so einen Beruf zu haben, wir haben ihn! Und wir haben ihn sicher, denn die Not auf dem medizinischen Arbeitsmarkt ist groß.

Fast irrelevant wirkt daher die Frage, was wir heutzutage noch über die Pflicht hinaus zu leisten bereit sein sollten. Leisten bedeutet zwar meist ein zeitliches Investment, kann jedoch tatsächlich zur eignen Zufriedenheit beitragen. Romualdo et al. untersuchten an 746 Arbeitenden den Einfluss freiwilligen Engagements auf die Lebenszufriedenheit und zeigten, dass zusätzliches Engagement mit weniger Burn-out und Stress sowie einer besseren mentalen Gesundheit des Einzelnen assoziiert ist [11].

Leisten kann in unserem Alltag schon damit beginnen, trotz der widrigen Arbeitsbedingungen kritik- und teamfähig zu bleiben. Das bewirkt ein kollegiales Arbeitsklima und mehr Spaß bei der Arbeit. Sich an Organisatorischem in der Klinik zu beteiligen mag abschrecken, doch verbessern wir durch Prozessoptimierungen die eigenen Arbeitsbedingungen. Beim Engagement in der Lehre können wir Einfluss auf unseren eigenen Nachwuchs nehmen, lernen aber auch selbst durch Erklären hinzu. Durch Mitarbeit in der Fachgesellschaft erfahren wir Austausch und erlangen Bekanntheit sowie Wissen und Kompetenzen. Durch Forschung können wir die Kardiologie selbst mitgestalten, Erkenntnisse beisteuern und werden rasch Expertinnen und Experten auf unserem Gebiet. Ehrenamtliche Tätigkeiten wie Herzsportgruppen und Patienteninformationsveranstaltungen bereichern ebenso durch soziale Anerkennung und Vertrauensgewinn von Patienten und Patientinnen. Leisten kann auch heutzutage noch bereichern, auch wenn viele Tätigkeiten auf den ersten Blick einen zeitlichen Mehraufwand bedeuten. Vor allem profitieren wir dann, wenn wir aus einer intrinsischen Motivation heraus handeln.

Fazit für die Praxis

Ja, es gibt Probleme im ärztlichen Beruf und in der Weiterbildung. Fordern ist nötig, sonst bleiben wir Gefangene der Umstände. Dennoch kann auch Leisten bereichern und zur eigenen Zufriedenheit beitragen. Was wir zu leisten bereit sind und was wir fordern, hängt von unseren persönlichen Wertvorstellungen ab, die letztlich die Messlatte für unsere Erwartungen darstellen. Bewusst sollte uns bleiben: Wir haben den besten Beruf der Welt und können täglich Enormes leisten, wenn wir uns nicht durch das System unterkriegen lassen und uns standhaft um eine Verbesserung des Systems bemühen.

Literatur beim Verfasser

Kontakt-- Dr. Dennis Lawin, Universitätsklinik für Kardiologie und internistische Intensivmedizin, Universitätsklinikum OWL der Universität Bielefeld, Campus Klinikum Bielefeld, Teutoburger Str. 50, 33604 Bielefeld, dennis.lawin@klinikumbielefeld.de

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