„It´s all about inflammation“

Entzündliche Prozesse am Herzen-- Endokarditis, Myokarditis, Perikarditis: Die Ausprägung und der betroffene Teil des Herzens sind vielgestaltig. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Inflammation als Ursache.

Von Prof. Simon Greulich Veröffentlicht:
Entzündungen können zahlreiche Herzerkrankungen triggern. yin foo Tan/Generated with AI/stock.adobe.com

Entzündungen können zahlreiche Herzerkrankungen triggern.

© yin foo Tan/Generated with AI/stock.adobe.com

Inflammation ist eine wesentliche Ursache pathophysiologischer Prozesse am Herzen [1]. Auf dem Gebiet der koronaren Herzkrankheit gelten u. a. inflammatorische Prozesse als treibende Kraft [2], so konnte bereits Rudolf Virchow Mitte des 19. Jahrhunderts entzündliche Prozesse in atherosklerotischen Läsionen nachweisen. Aber auch andere pathophysiologische Prozesse am Herzen, die zu einer Herzinsuffizienz führen können, basieren zumindest teilweise auf Inflammation. Dabei ist Inflammation per se nicht schädlich, sondern eine Reaktion des Organismus auf schädigende Reize mit dem Ziel, das auslösende Agens zu beseitigen. Die Inflammation kann selbstlimitierend sein und folgenlos ausheilen oder aber chronifizieren, sodass das auslösende Agens identifiziert werden sollte, um eine spezifische Therapie zu ermöglichen. Darüber hinaus kann eine Chronifizierung von Inflammation auch aufgrund autoimmunologischer Prozesse, getriggert durch das initiale Agens, stattfinden.

Entzündliche Herzerkrankungen

Entzündliche Herzerkrankungen (Abb. 1)-- Die Möglichkeiten zur Diagnostik (grün) sind gut, bei der Therapie (gelb/rot) gibt es gerade bei der Myokarditis noch viele Unklarheiten. Greulich

Entzündliche Herzerkrankungen (Abb. 1)-- Die Möglichkeiten zur Diagnostik (grün) sind gut, bei der Therapie (gelb/rot) gibt es gerade bei der Myokarditis noch viele Unklarheiten.

© Greulich

Der Begriff „entzündliche Herzerkrankungen“ im engeren Sinne umfasst Endokarditis, Myokarditis und Perikarditis. Die jeweilige Diagnosesicherung sowie vor allem die bisherigen Therapiemöglichkeiten unterscheiden sich teilweise beträchtlich (Abb. 1). Für die Endokarditis wurden kürzlich neue Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) veröffentlicht [3], bei frühzeitiger Diagnosestellung und Therapie sind wir bei klinischem Verdacht insgesamt gut aufgestellt, obwohl die infektiöse Endokarditis an sich weiterhin eine hohe Letalität aufweist. Eine Perikarditis kann sowohl als eigenständiges Krankheitsbild als auch im Rahmen einer Myokarditis auftreten. Thorakale Beschwerden, erhöhte Temperatur und gegebenenfalls auskultatorisches Perikardreiben in Verbindung mit EKG und Echokardiografie sowie ggf. kardialem MRT (CMR) machen die Diagnose sehr wahrscheinlich und ermöglichen den Beginn einer Therapie.

Myokarditis – alles klar?!

Bei der Myokarditis sind Anamnese und Klinik häufig unspezifisch, sodass wir weiterhin von einer hohen Dunkelziffer ausgehen. Dementsprechend sind wir bei der Diagnosestellung in hohem Maße auf die moderne nicht invasive Bildgebung, ggf. auch in Verbindung mit einer endomyokardialen Biopsie zur definitiven Diagnosesicherung, angewiesen. Mittels CMR lässt sich dabei nicht nur die Diagnose einer Myokarditis stellen, sondern es können anhand der erhobenen Bildparameter auch Aussagen zur Prognose der betroffenen Patienten gemacht werden [4]. Allerdings besteht neben der allgemeinen Empfehlung körperlicher Schonung nach wie vor eine hohe Unsicherheit bezüglich der weiteren spezifischen Therapie einer einmal diagnostizierten Myokarditis. Einer relativ hohen Spontanheilungsrate steht eine klare Indikation zur immunsuppressiven Therapie bei einer mittels Endomyokardbiopsie diagnostizierten Riesenzellmyokarditis gegenüber [5]. Was ist aber mit den Patienten, die eine chronische Myokarditis aufweisen, ggf. mit deutlich eingeschränkter LVEF und z. B. auch im Verlauf weiterhin positiven Endomyokardbiopsien? Wie ist dort das weitere Management? Engmaschige kardiologische Kontrollen inklusive Langzeit-EKG? Einfach zuwarten? Fälle eines plötzlichen Herztodes auch lange nach diagnostizierter Myokarditis unterstreichen den Bedarf an einer spezifischen Therapie [6]. Randomisierte kontrollierte klinische Studien für eine immunmodulatorische, antiinflammatorische Therapie gibt es nicht, sodass hier viel Unklarheit bei diesem potenziell lebensbedrohlichen Krankheitsbild der oftmals jungen Patienten herrscht.

Fazit

Inflammation spielt eine große Rolle bei vielen pathophysiologischen Prozessen am Herzen.

In den letzten Jahren ist die Diagnosestellung der entzündlichen Herzerkrankungen erfreulicherweise immer genauer geworden.

Bezüglich der Therapie gibt es allerdings weiteren Handlungsbedarf für die Wissenschaft, insbesondere was die spezifischen Therapieformen der Myokarditis und somit die Unterdrückung der persistierenden Inflammation durch spezifische, gegen das auslösende Agens, gerichtete Therapieformen bzw. immunmodulatorische Ansätze angeht.

Kontakt-- Prof. Dr. Simon Greulich, Universitätsmedizin Tübingen, simon.greulich@med.uni-tuebingen.de

Literatur--

1. Lu L et al. Cell Biochem Biophys. 2015;72(3):851-5

2. Ross R. N Engl J Med. 1999;340(2):115-26

3. Delgado V et al. Eur Heart J. 2023;44(39):3948-4042

4. Eichhorn C et al. JACC Cardiovasc Imaging. 2022;15:1325-38

5. Bang V et al. J Am Coll Cardiol. 2021;77(8):1122-34

6. Greulich S et al. J Am Heart Assoc. 2020;9(16):e015351

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